Here and Now

‹Here and Now: Und die Ferne wird zur Nähe›

2014, In Situ Installation

Ausstellung an zwei Orten gleichzeitig 
Location: Perla Mode Langstrasse/Winterhalder Areal Werdstrasse, Zürich

Ovaler Spiegel, Secondhand 81 x 51, 5 cm (H x B) mit Fineart Print Duraclear 78 x 48,5 cm (H x B) Fensterscheibe opaque, sandgestrahlt 37 x 41 cm (H x B), Lichtfilter 400 LeeLux, 1 Stück Seife, Fineart Print Blueback 31,6 x 23,9 cm (H x B), 2 Fluter für den Aussenraum 500 Watt, 2 Licht Stative, 2 Elektrokabel für den Aussenraum

‹Here and Now: Und die Ferne wird zur Nähe› Location: Perla Mode Langstrasse Parterre, Zürich

‹Here and Now: Und die Ferne wird zur Nähe› Location: Perla Mode Langstrasse 2. Stock, Zürich

‹Here and Now: Und die Ferne wird zur Nähe› Location: Winterhalder Areal Werdstrasse, Zürich

Interview Natalie Keppler mit Bettina Grossenbacher

Nathalie Keppler: Du hast eine Schauspielausbildung, welche in einigen Videoarbeiten von Dir zum Ausdruck kommt. Auch Deine Herangehensweise an den Raum als Setting deutet auf eine szenografische Arbeitsweise hin. Die Räume scheinen (ihre) gespeicherten Erfahrungen erzählen zu wollen, wie Du es zum Beispiel bei der Arbeit ‹Creaking Room› (2012) beschrieben hast. Wie findest du diese Geschichten der Räume und inszenierst sie?

Bettina Grossenbacher: Ich gehe mit wachen Augen und offenen Ohren durch die Welt und begegne Räumen. Einige scheinen auf den ersten Blick durchschnittlich zu sein, andere spannend. Aber alle haben etwas Besonderes an sich. Das mag eine besondere Innenausstattung sein, eine besondere Leere, eine besondere Farbe, besondere Gegenstände. Sobald ein Raum mir etwas erzählt, schaue ich hin und höre zu. Dabei entsteht die Geschichte, die ich weiterentwickle. Bei den neueren Arbeiten stelle ich fest, dass häufig Filmsettings oder Theatererlebnisse auf mich einwirken, die mich beeindruckt haben. Ob das Bob Wilson und Meredith Monk sind, ‹Twin Peaks› von David Lynch, Peters Steins ‹Kirschgarten› oder die geradezu sensationelle Tchechow-Adaption der ‹Drei Schwestern› von Simon Stone in Basel … es ist so, als ob sie sich zu Wort melden. Ich lade sie ein oder weise sie zurück, und am Schluss ist es immer meine eigene Geschichte.

NK: Für die Arbeit im Zürcher Ausstellungsraum ‹Perla-Mode› im Rahmen der Gruppenausstellung ‹Here and Now: Und die Ferne wird zur Nähe› haben Dich versteckte und unzugängliche Räume inspiriert. Was interessiert Dich am Unheimlichen bei Räumen?

BG: Es ist nicht so sehr das Unheimliche. Es geht mir nicht um Angst, sondern um Neugierde und die Lust zu forschen. Im Perla-Mode habe ichein bisher unzugängliches Badezimmer im 1. Obergeschoss von allem Überflüssigen befreit. Indem ich die Fensterscheiben von aussen beleuchte, wird der Raum zu einem neuen Setting, zu seiner eigenen Bühne. Und er beginnt, seine Geschichten zu erzählen.

NK: Willst Du mit dem damit zusammenhängenden, oft heimlich wirkenden Blick die Betrachter zu Mittätern oder zu Zeugen machen?

BG: Sie werden es ja automatisch. Indem ich ihnen zeige, wie die Dinge sich langsam enträtseln und wieder zu neuen Rätseln zusammenfügen, werden sie selbst zu Akteuren.

NK: In Deinen Videos passen die Untertitel oft nicht zu den Bildern und ergeben doch zusammen mit ihnen eine Geschichte. Wie verbindest Du in diesen Video-Installationen Vergänglichkeit, Gleichzeitigkeit und Räumliches?

BG: Es geht mir nicht darum, Bilder und Untertitel quer zueinander zu stellen, das wäre zu einfach. Aber es geht auch nicht darum, mit Untertiteln die Bilder zu ergänzen. Bilder und Titel verfolgen dieselbe Geschichte, auf unterschiedlichen Fährten. Manchmal schmiegen sie sich aneinander, manchmal geht jedes seinen eigenen Weg, manchmal geraten sie in Spannung zueinander. Das, was dann geschieht, geschieht im Betrachter. Er oder Sie schreibt an der Geschichte mit. «Vergänglichkeit» (und damit auch Zerfall) ist ein wichtiges Thema, weil sie eine Zeitachse beschreibt; «Gleichzeitigkeit» steht für unterschiedliche Perspektiven; und «Raum» ist sowohl der Raum im Bild und in der Geschichte als auch derjenige Raum, in welchem die Arbeit präsentiert wird. Einige meiner Arbeitennehmen eine völlig neue Bedeutung an, wenn sie in einem anderen Raum gezeigt werden, das finde ich faszinierend.

NK: Der Spiegel, der auch ein alter kunsthistorischer Topos ist und von Michel Foucault als Heterotopie bezeichnet wird, ist der Blick in den Spiegel, ein Blick an einen anderen Ort, der eigentlich ortlos ist. Was verbindest Du mit dem Spiegel, wenn du ihn in einen anderen Kontext transferierst?

BG: In meiner Arbeit hier bespiele ich zwei Räume und spiegle dabei den ersten im zweiten. Im ersten – einem Badezimmer – hängt ein alter staubiger ovaler Spiegel. Daneben befindet sich ein Fenster, dessen ebenfalls alte Übermalung durch meine Licht-Installation wie Alabaster wirkt, man hat es im Mittelalter als Glasersatz verwendet. Ausserdem ist da ein Duschkopf, der sich gegen die Decke zu ducken scheint, als wäre er zu hoch gewachsen und abgeknickt. Im zweiten Ausstellungsraum – er liegt einen Kilometer entfernt – hängt ein zweiter Spiegel. Er ist ebenfalls oval. In ihm scheint sich dasselbe zu spiegeln wie im ersten – das Alabasterfenster. Natürlich ist das eine Illusion, denn dort befindet sich ja kein Fenster. Der Blick in den zweiten Spiegel geht also zurück in den ersten, und deshalb sieht man dort ebenfalls das Fenster – eine Blickschlaufe, ein Möbiusband, ein Blick auf einen Ort, der nicht fixierbar ist – oder mathematisch gesehen: eine nicht-orientierbare Mannigfaltigkeit.

(Die Gruppenausstellung ‹Here and Now: Und die Ferne wird zur Nähe› fand im Zürcher Ausstellungsraum ‹Perla-Mode› sowie in der zum Abriss bestimmten Karosseriewerkstatt ‹Winterhalder Areal› statt. Nathalie Keppler ist freie Kuratorin)