Les Visiteurs du soir, Publikation

Les Visiteurs du Soir

2007, Publikation

Bibliografische Angaben: 160 S., 70 farbige Abb., gepolstertes Hardcover, 21,5 x 16,5 cm (B x H)
Begleittext von Hansmartin Siegrist, Christoph Merian Verlag, ISBN 978-3-85616-322-8

«Die Geschichte begann im ‹Cinéma du Panthéon›, einem Pariser Programmkino unweit der Sorbonne. Ich schaute mir gerade ‹Goodbye Dragon Inn› (Bu Sun) des taiwanesischen Regisseurs Tsai Ming-liang an. Der Film ist eine Hommage an die frühen Kinosäle seiner ehemaligen Heimat Malaysia. Ein japanischer Tourist flüchtet vor dem strömenden Regen in ein Palastkino, das gerade seine letzte Vorstellung zeigt. Auf der Leinwand sieht man King Hus ‹Dragon Inn› (Long Men Ke Zhen), einen klassischen chinesischen Schwertkampffilm. Während der Vorstellung suchen im Saal und in den angrenzenden Räumen einsame Männer nach sexuellen Abenteuern und eine gehbehinderte Platzanweiserin nach der wahren Liebe. Draussen giesst es in Strömen.

Das Geräusch des Regens mischte sich mit dem Lärm eines Pariser Sommergewitters, das sich gerade auf dem Dach des ‹Cinéma du Panthéon› entlud. Diese Mischung aus Wirklichkeit und Fiktion vervollständigte sich, als ich bemerkte, dass meine Schuhe in einer Wasserlache standen – das Kinodach hatte dem Regen nicht standgehalten. Ich beschloss, eine künstlerische Arbeit über die Säle und Leinwände der Pariser Programmkinos zu machen.Mein Mapping war einfach: Ich wollte kein Kino zweimal besuchen und ich wollte keinen Film zweimal sehen. In den nächsten Monaten führte mich die Exkursion meist zu Fuss durch alle zwanzig Pariser Arrondissements und durch einhundert Jahre Filmgeschichte. Dabei fand ich eher nüchterne Kinos – wie jene von ‹Sept Parnassiens› oder der Kinokette ‹MK2› – aber auch skurrile wie ‹La Pagode›, das einem asiatischen Tempel nachempfunden ist, oder ‹La Kata›, das heute einen Schuhdiscounter beherbergt. Höhepunkt war Europas grösstes Kino, ‹Le Grand Rex›, wo fast dreitausend Menschen gleichzeitig denselben Film sehen können. Dabei entdeckte ich auch ‹Les étoiles du Rex›, eine skurrile, wohl einmalige Inszenierung, die Besucher hinter die riesige Kinoleinwand, in das ehemalige Direktionsbüro, in die Garderoben der Stars und zuletzt vor die Kamera führt … aber das kann man nicht fotografieren, das kann man nur erleben.

Pariser Programmkinos bestehen normalerweise aus einem nicht allzu grossen Saal, wo ich mir gemeinsam mit ein paar stillen Menschen einen Film anschaue. Vor allem bei Vormittags- und Nachmittagsvorstellungen besucht man diese Kinos alleine. Die Vorführung hat die Atmosphäre eines privaten, individualistischen Geschehens. Wir widmen uns dem luxuriösen, manchmal aufzehrenden Kult der Kinogeschichte. Wir sehen Filme aus der Stummfilmzeit, Werke des Neorealismo, der Nouvelle Vague, der siebziger Jahre. Dann zeigt man uns seltene Meisterwerke des asiatischen Kinos. Diese nachmittäglichen Kinobesuche sind ein typisches Pariser Ritual auf leisen Sohlen, das den öffentlichen Akt einer Filmvorführung zu etwas Kollektiv-Intimen macht.

Meine Fotografien zeigen die Leinwand im Bildzentrum, kurz vor dem Beginn der Vorstellung, als würde sie auf die Lichtstrahlen warten, um sie als gebündelte Geschichten in den Saal zurückzuwerfen. Davor sehen wir die Stuhlreihen; sie warten ebenfalls, auf Besucher oder auf etwas anderes. Auf manchen Bildern sieht man Gestalten, die durchs Bild huschen, jeder sucht seinen Platz. Dann ist Ruhe – vor allem in Paris während der Vorstellung! – und dann beginnt das Spektakel….
Ich glaube, die Faszination von Paris ist nicht zu trennen von der Liebe zum Kino. Paris ist die Hauptstadt der Reflexion des Kinos, im doppelten Sinne: es ist der Ort, an dem immer wieder über das Kino nachgedacht wird, und es ist der Ort, an dem das Kino über sich selbst nachdenkt. Ich wollte etwas von dieser Liebe zeigen.»

Bettina Grossenbacher (Vorwort zur Publikation ‹Les visiteurs du soir›)