Golden Age

Golden Age

2016, 5 Matt FineArt Prints in Serie

5 Matt FineArt Prints auf Alu-Dibond aufgezogen, je 68 x 100 cm (H x B)
Aufnahmeort/Location: Kep sur Mer, Cambodia
Auflage: 3 + 1 AP

Location: Kep sur Mer, Cambodia

Verlassene Villen, von Einschusslöchern übersät, von Pflanzen überwuchert, von Graffitis geschmückt, von Kühen und Squattern bewohnt. Einst Sinnbild für die Befreiung eines ganzen Landes aus der Knechtschaft, dann Treffpunkt für ein Volk, das der Moderne huldigte, dann Inkarnation für Geldgier und Verruchtheit, verharren sie im Schwebezustand und sind heute schlummernde Geldanlagen. Sie vereinigen alles in sich, was Menschen an Freud’ und Leid, Drama und Korruption einander antun können: Projektionsflächen für Visionen, Träume und Irrtümer, für Hoffnungen und schreckliche Albträume.

Kep – The most beautiful bay of the world?

«Die späten 1940er- und die 1950er-Jahre waren von antikolonialistischen Bewegungen rund um den Globus geprägt … Indien, Madagaskar, Kenia, das gesamte von den Franzosen besetzte West- und Nordafrika, Indochina – die Welt befand sich in einem fundamentalen Um- und Aufbruch. Durch das Pariser Abkommen von 1954 war Kambodscha unabhängig geworden. Jahrhunderte alte Streits um das Territorium des einst so mächtigen Khmer-Reiches schienen beendet, am Mekong keimte die Hoffnung auf, dass ein Volk, wenn es erst von der Fremdherrschaft befreit wäre, aus eigener Kraft eine moderne Gesellschaft aufbauen könnte. Stadtplanung und Architektur sollten dabei eine wichtige Rolle spielen. Kambodschas erster demokratisch gewählter Präsident Norodom Sihanouk beschloss, das Land von Grund auf zu erneuern: Buddhismus und Sozialismus sollten vereint, Kambodscha politisch neutral werden. Bildung und Landwirtschaft, Verkehr und Industrialisierung, Gesundheitswesen, Tourismus und die Künste wurden mit grossen Mitteln unterstützt. Vor allem aber die Architektur sollte den Willen zur Neugeburt zum Ausdruck bringen. Unter Federführung kambodschanischer Architekten, die in Paris studiert hatten, etablierte sich ein Baustil, in dem sich die Hoffnung auf Selbstbestimmung geradezu materialisierte: die ‹New Khmer Architecture›. Phnom Penh verwandelte sich innerhalb eines Jahrzehnts in die modernste Grossstadt ganz Südostasiens. Strassen, Universitätsgebäude und Fabriken, Markthallen, Kraftwerke und Wohnsiedlungen wurden gebaut.

Im Zuge des Aufbruchs beschloss Sihanouk, das Dorf Kep nahe der vietnamesischen Grenze, das traditionellerweise vom Krabbenfischfang lebt, zum ‹Saint-Tropez du Cambodje› hoch zu stilisieren. Hier entstanden zahlreiche Villen, hier liess er seine Residenz errichten, für Kep schreib er eigens den Song ‹Beauté de Kep›. Zehn Jahre später, nach einem Putsch der rechtsgerichteten Lon-Nol-Regierung, einem zermürbenden Bürgerkrieg und der nachfolgenden Machtübernahme durch die Roten Khmer wurde das Symbol bourgeoiser Lebensweise derart gründlich zerstört, dass von den von Le Corbusier inspirierten Villen nur noch Betongerippe übrig blieben. Die Farmen mit dem weltberühmten Pfeffer aus Kep wurden eingeebnet, der Kapitalismus sollte endgültig ausgemerzt werden, Privatbesitz wurde verboten. Unter unsäglichen Leiden schrumpften die neuen Herren das Land auf die Stufe eines vormittelalterlichen Agrarstaates zurück und ermordeten fast ein Drittel der Bevölkerung. Was mit der Befreiung aus der Kolonialherrschaft begonnen und in den 1960er-Jahren einen Höhepunkt erreicht hatte, endete im Gemetzel auf den Hinrichtungsstätten der dreihundert Killing Fields.

Keps Villen, von Einschusslöchern übersät, sind von Pflanzen überwuchert und ähneln darin ihren berühmten Nachbarn im Norden: den Tempeln von Angkor. Die meisten stehen leer, einige sind von Squattern bewohnt. Man investiert nicht, sondern lässt alles in einem Starrezustand und wartet auf steigende Immobilienpreise. Doch die Hoffnung auf raschen Gewinn trügt. Zwar hat der 9. Kongress des Clubs ‹Most beautiful bays in the world› die Chhak Kep Bay zu einer der schönsten der Welt gekürt, sie rangiert neben San Francisco, Mont St. Michel und der Halong Bay auf Weltniveau – doch die Wirklichkeit sieht anders aus.»

Claus Donau (Auszug aus dem Beitrag ‹Zukunft bauen, niederreissen. Indochina in Zeiten des Postkolonialismus›, Basel 2016)